Erster Dirigierkurs der Jeunesses Musicales Hessen und der Jungen Musik Hessen

Wie fühlt es sich an, plötzlich nicht mehr im Orchester zu sitzen, sondern davor zu stehen? Genau diesen Perspektivwechsel konnten junge Musikerinnen und Musiker beim Dirigierkurs erleben, der gemeinsam vom Landesverband Hessen der Jeunesses Musicales Deutschland und der Junge Musik Hessen gGmbH ausgerichtet wurde. Vom 6. bis 8. Juli 2026 trafen sich in der Landesmusikakademie Hessen in Schlitz zwölf aktive und zwei passive Teilnehmende im Alter von 15 bis 22 Jahren, um erste Erfahrungen am Dirigierpult zu sammeln.

Die Idee entstand aus einer Beobachtung innerhalb der hessischen Landesjugendensembles sowie in Gesprächen mit den hessischen JM Botschafterinnen und Botschaftern: Immer wieder äußern Jugendorchester-Mitglieder den Wunsch, selbst einmal zu dirigieren oder die Perspektive vom Pult aus kennenzulernen. Der Kurs sollte hierfür einen niedrigschwelligen Einstieg bieten und Orientierung geben, ob Ensembleleitung ein möglicher weiterer musikalischer Weg sein könnte. Damit greift er eine Lücke in der musikalischen Nachwuchsförderung auf. Im sinfonischen Bereich gibt es für angehende Dirigentinnen und Dirigenten vor einem Dirigierstudium, das in der Regel praktische Vorerfahrungen voraussetzt, nur wenige strukturierte Ausbildungsmöglichkeiten. Erste dirigentische Erfahrungen müssen sie sich deshalb häufig eigenständig erschließen

Geleitet wurde der Kurs von Johannes Klumpp, Künstlerischer Leiter der Heidelberger Sinfoniker und des Folkwang Kammerorchesters Essen. Neben seiner internationalen Konzerttätigkeit verfügt er über Lehrerfahrung an den Musikhochschulen in Weimar, Mannheim, Frankfurt und Trossingen und leitet regelmäßig Meisterkurse.

Nach einem ersten Kurstag mit Schlagtechnik, Partituranalyse und Probenmethodik ging es direkt in die Praxis. Gemeinsam mit einem Streichquartett und einem Pianisten arbeiteten die Teilnehmenden an Werken von Mozart, Schubert und Rachmaninow. Dabei wurde unmittelbar erfahrbar, wie stark eine Dirigierbewegung den musikalischen Ausdruck beeinflussen kann. Die Arbeit wurde per Video dokumentiert, damit die Teilnehmenden ihre Entwicklung später nachvollziehen konnten.

Besonders prägend war Klumpps Unterrichtsstil. Statt sich auf technische Abläufe zu beschränken, arbeitete er mit Bildern und Assoziationen. So ließ er die Teilnehmenden etwa imaginär Wasser oder Staub mit den Fingerspitzen berühren, um ein Gefühl für feine Bewegungen und unterschiedliche Klangqualitäten zu entwickeln. „Johannes findet gute Metaphern, um Dinge zu erklären. Außerdem hat er zu jedem Teilnehmer und jeder Teilnehmerin wertschätzende Kritik geäußert“, beschreibt ein Teilnehmer seine Erfahrung.

Die Atmosphäre war konzentriert und von gegenseitigem Respekt geprägt. Trotz sehr unterschiedlicher Vorerfahrungen gelang es Klumpp, alle Teilnehmenden individuell zu fördern. Entsprechend positiv fiel das Feedback aus: „Es war sehr inspirierend von ihm zu lernen. Er konnte sich auf jeden individuell einstellen und jedem auf seinem Stand helfen.“ Die Abende ließen die Teilnehmenden gemeinsam mit Johannes Klumpp im Schlosskeller ausklingen und hatten dort nochmal Gelegenheit ihre zahlreichen Fragen an ihn loszuwerden – zum Dirigentenleben, seinem persönlichen Werdegang oder seiner Expertise zu ‚dieser einen bestimmten Aufnahme‘.

Viele Teilnehmende hätten sich gewünscht, noch länger weiterzuarbeiten. Kein schlechtes Zeichen für einen Kurs, der vor allem eines geschafft hat: Neugier zu wecken. Der Kurs hat verdeutlicht, welches Potenzial in einer frühen Auseinandersetzung mit Ensembleleitung liegt. Wer die Musik einmal vom Dirigierpult aus erlebt hat, nimmt mehr mit als neue technische Fähigkeiten – nämlich ein tieferes Verständnis für Probenprozesse, Kommunikation und künstlerische Verantwortung.